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Es kommt mir so vor, als wäre Julia eine Bilderstürmerin des 21. Jahrhunderts, eine Fotografin, die radikal die Berechtigung der Fotografie in Frage stellt.
Nein, Berechtigung ist nicht das Wort. Vielmehr stellt sie in Frage, ob wir überhaupt abbilden können, ob wir Wirklichkeit wiedergeben, einfrieren, festhalten können.
Was ich an diesen Bildern liebe, ist der Zweifel an der Abbildbarkeit der Welt. Jedes ihrer Bilder stellt das Bild und das Abgebildete in Frage. Ist das die Wahrheit, kann sie es sein? Sehen wir die Realität oder sehen wir, was wir gelernt haben zu sehen, was wir sehen wollen?
Die Wirklichkeit verschwimmt in den Bildern, lässt damit unendlich viel Platz für die ureigene Phantasie des Zuschauers. Damit ist der Dialog initiiert. Diese Bilder laden uns ein, selber die Bilder zu finden. Sie sind genau in ihrer Unschärfe, in ihrer Suggestion. Sie bieten uns die Skepsis an, aber auch alle Möglichkeiten der Selbstfindung.
Ich zitiere Jorge Luis Borges aus dem Gedächtnis: ein Buch ist erst dann zu Ende geschrieben, wenn der Leser es liest.
Die Bilder von Julia Nohr entstehen erst, wenn der Zuschauer sie sieht. Sie sind manchmal wie gewebte Erinnerungen an Bilder: bei manchen Bildern am Meer dachte ich an Gobelins, Werke, die in mühsamer Handarbeit eine Szene festgehalten haben, die längst nicht mehr war, deshalb auch keinerlei Bezug zur Wirklichkeit in Anspruch nahmen. Und doch, bei diesem Bild „Die Stille, die die Weite birgt II“ spüre ich neben der Melancholie, dass der Augenblick nie wieder hergestellt werden kann, ein unerwartete Vitalität.
Das Bild sagt: ich sehe dies, so wie ich es sehe, und ich will euch darüber berichten. Andere Bilder, die Serie „Der Widerschein der Dinge“ haben diese Textualität, diese Griffigkeit. Melancholie und Selbstbehauptung. Dann, in „Las neblinas“ oder in „Inneren Gletscher“ suchen wir das, was sie gesehen hat, das was wir sehen.
Und überall finden wir Julia und uns selbst in den Geschichten, die wir sehen oder meinen zu sehen.
Und dann die Überraschung ihrer politischen Bilder: „Acá andamos“, ich nenne sie politisch nicht, weil sie das vordergründig sind, sondern weil sie durch eine bestimmte Technik den Bildern Patina gegeben hat, eine Geschichtlichkeit, die uns an alltägliche oder größere Kämpfe erinnert. So ist aus Julia Nohr eine großartige Erzählerin in Bildern geworden.

Da ich ihre alte Professorin bin, kann ich erzählen, dass in den Arbeiten, die sie während ihres Studiums an der Kunsthochschule für Medien gemacht hat, dieser unbändige Wunsch, zu erzählen, da war, aber immer begleitet von der absoluten Sicherheit, dass man nichts erzählen kann.
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Eine Poetische und aufklärerische Arbeit.

Jeanine Meerapfel, 04.02.2006